Oh my enemy...

 Heute gab es die Essensreste von gestern, ein Kartoffelauflauf mit Brokkoli und das erste Meerschweinchen saß bereits neben ihr auf dem Sofa und beobachtete aufmerksam jeden Bissen von Viola. Diese hielt mit einer Hand die Gabel, mit der anderen ihr zerfleddertes Taschenbuch und war bereits fernab der Realität. Nichts war besser als die Flucht in fremde Welten.

 

Der sanfte Geräuschpegel von entspannten Kauen und Rascheln des Papiers wurde allerdings jäh von der Türklingel unterbrochen. Viola schrak von ihrem Buch auf und fragte sich stirnrunzelnd, wer denn jetzt noch etwas von ihr wollte. Etwas missmutig wand sie sich aus ihrer kuscheligen Fleecedecke und ging in Richtung Haustür. Es klingelte erneut.

„Ja, ja, ich komme schon.“, murmelte sie vor sich hin.

Ein Blick durch ihren Türspion genügte, damit sie sich entschied, ob sie dem ungeduldigen Klingler öffnen würde. Ein Lieferant? Um diese Uhrzeit?

Mit geübten Bewegungen schloss sie ihre Sicherheitsvorkehrungen auf und begrüßte den fremden Boten.

„Hallo, Frau Rowald? Ich habe eine Lieferung für sie, Express.“

„Ja, die bin ich. Ich erwarte eigentlich kein Paket.“

„Nein kein Paket, ich habe hier Blumen für sie. Einen Moment.“

Der Mann hatte wohl nicht erwartet, dass ihm geöffnet wird, denn er lief zu seinem grünen Lieferwagen zurück und holte einen stattlichen Strauß dunkelrote Rosen hervor.

„Hier, die sind für sie. Könnten sie mir bitte noch die korrekte Zustellung quittieren?“

„Und die Blumen sind wirklich für mich? Kein Irrtum?“ Sie war immer noch skeptisch.

„Alles in Ordnung so. Die Daten sehen sie auch auf meinem Scanner.“

Er hielt ihr das besagte Gerät vor die Nase und mit zustimmenden Nicken las sie ihren Namen und Adresse.

„Okay. Wird wohl stimmen.“

Sie unterschrieb mit krakeliger Schrift auf dem kleinen Display und verabschiedete sich mit einem kurzen „Danke“ von dem Lieferanten. Viola betrachtete den Blumenstrauß und verschloss die Tür.

Als sie auf dem Weg zurück zu ihrer Couch war, fiel ihr ein, dass sie nach dem Absender hätte fragen können. Ach wie dumm.

Aber vielleicht war eine Karte dabei?

Sie untersuchte den Strauß auf eine versteckte Botschaft und entdeckte eine winzige Grußkarte.

Vorne drauf waren ebenfalls ein paar Rosen gezeichnet. In ihrem naiven Glauben, dachte sie für einen kurzen Moment, ob sie von ihrer Begegnung heute waren. Den Gedanken verwarf Viola aber sofort wieder. So etwas passierte nur in Büchern oder Filmen, nicht in der Realität.

Sie klappte die Karte auf und das Blut gefror in ihren Adern. Die Nachricht war nicht unterzeichnet. Aber es gab nur eine Person, die diese Worte jemals in ihrer Gegenwart verwendet hatte.

„Du bist mein.“

Der Strauß Rosen fiel auf den Boden und etliche Blätter verteilten sich auf den Fliesen des

Hausflurs. Sie hatte sich nicht geirrt, die Nacht neulich war real.

 

Er war wieder hier.

 

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